Projekt

Markuskirche | Ehemaliges Kultur- und Bildungsprojekt „Martin Luther Forum Ruhr“

Gladbeck
Ort
45964 Gladbeck, Bülser Straße 34
Ursprüngliche Nutzung
Pfarrkirche und Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Gladbeck; Evangelische Kirche von Westfalen
Neue Nutzung
Von Ende 2009 bis Mitte 2018 Kulturzentrum „Martin Luther Forum Ruhr“ | Anschlussnutzung offen
Gebäude
1966–1968 erbaut, Architekten: Albrecht E. Wittig (1927–1991), Marl und Fred Janowski, Gelsenkirchen | 2008 Schließung des Gemeindezentrums | 2009–2011 Sanierung und Umbau zum „Martin Luther Forum Ruhr“, Architekt: Christoph Damm, Dortmund | Juli 2018 Ende der Neunutzung
Denkmalschutz
Das Kirchengebäude und Ensemble stehen unter Denkmalschutz.

Ortslage | Städtebauliche Situation

Die ehemalige Markuskirche liegt im Nordosten der Innenstadt, mit ca. einem Kilometer Luftlinie in eigentlich geringer Entfernung zum Stadtzentrum Gladbecks. Dieser Teil von Gladbeck-Mitte ist allerdings durch eine Bahnlinie mit nur wenigen Querungsmöglichkeiten vom Stadtzentrum getrennt. Das Umfeld besteht überwiegend aus Ein- und Mehrfamilienhäusern in lockerer Bauweise. Im weiteren Umfeld finden sich eine Schule, einige Gewerbenutzungen und ein Friedhof.

Das Gebäudeensemble orientiert sich prominent mit einer Freitreppe, einem separaten Glockenturm und dem erhöhten, durch eine Pergola abgegrenzten Vorplatz zur Straßenkreuzung hin. Der skulpturale Kirchenbau entwickelt sich entlang der Bülser Straße, der ehemalige Gemeindesaal liegt im rückwärtigen Grundstück, in dem sich auch das ehemalige Pfarrhaus befindet. Ein Gebäudeteil mit vormals Küsterwohnung und Jugendbereich steht spitzwinklig zur Lindenstraße.

Gebäude | Bauform

Tragwerk und Dachkonstruktionen der ehemaligen Markuskirche, des Kirchturms und der verbindenden Pergola sind aus Sichtbeton. Die Wände bestehen aus weiß gestrichenem Kalksteinmauerwerk. Kirche und Pfarrsaal sind in nicht orthogonalen Formen entworfen. Der ehemalige Kirchenraum wird auf einem Fünfeckgrundriss von einer großen, aus drei Dreiecken gefalteten Dachform, zum früheren Altarbereich hin ansteigend, zeltartig überdeckt. Von der gegenüberliegenden Wand gehen beiderseits in flachem Winkel Wände mit großen Klarverglasungen aus, die den Kirchenraum im Rücken der Gemeinde belichteten. Altar, Kanzelpult und Taufbecken, aus polygonalen Edelstahlblechen zusammengefügt, befanden sich auf einem um eine Stufe erhöhten, ebenfalls fünfeckigen Altarbereich vor zwei schmucklosen, geschlossenen und weiß gestrichenen Mauerwerkswänden.

Historische Bedeutung | Soziales Umfeld

Von den zuvor im Büro von Günther Marschall tätigen Architekten Albrecht E. Wittig und Fred Janowski stammen aus dieser Zeit noch weitere bemerkenswerte evangelische Kirchengebäude, die ebenfalls unter Denkmalschutz stehen: die Thomaskirche in Gelsenkirchen-Erle (1965) und die Kreuzkirche in Dorsten-Hervest (1965). Architekt Janowski hat darüber hinaus im Büro Marschall federführend an der Matthäus-Kirche in Gelsenkirchen-Buer (1958) und dem Stadtteilzentrum in Gelsenkirchen-Hassel mit Lukas-Kirche(1961) mitgewirkt. Diese qualitätvollen Gebäude stehen somit für eine wichtige Phase im modernen Kirchenbau der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Im Stadtteil dominieren Wohnnutzungen mit wenigen Nahversorgungseinrichtungen und Schulen das Umfeld. Ältere mehrgeschossige Arbeiterwohnhäuser sind gemischt mit späteren kleinteiligeren Wohnstrukturen. Das ehemalige Gemeindezentrum bildete 40 Jahre lang einen sozialen und kulturellen Mittelpunkt sowie städtebauliche Orientierung in diesem locker bebauten Teil Gladbecks.

Kirchliche Nutzung | Einbindung in die Bürgergemeinde

In Gladbeck hatten sich Anfang 2008 vier vormalige Einzelgemeinden zur Evangelischen Kirchengemeinde Gladbeck zusammengeschlossen. Die neue, ca. 9.000 Mitglieder starke Kirchengemeinde bestand deshalb aus vier weitgehend unabhängig agierenden Gemeindebezirken mit jeweils eigenem Gebäudebestand. Die Mitgliederzahl reichte allerdings nicht mehr zum Betrieb des gesamten Gebäudebestandes aus. Neben der umgenutzten Markuskirche wurde inzwischen noch die Versöhnungskirche in Gladbeck-Brauck abgerissen und die Martin-Luther-Kirche in Alt-Rentfort verkauft, die seit 2016 von privat an eine neue evangelisch-reformierte Freikirche vermietet wurde. Das Gemeindeleben der Kirchengemeinde Gladbeck konzentriert sich nun auf die Christuskirche mit Gemeindehaus in Gladbeck-Mitte. Teile der Gemeinde und der Bürgerschaft haben sich an einer über Gladbeck hinausgehenden Initiative zum Erhalt der Markuskirche als kirchlich-kulturelles Zentrum beteiligt.

Prozess | Beteiligte

Beteiligte im Neunutzungsprojekt waren Vertreter von Kirchengemeinde, Kirchenkreis, Landeskirchenamt und Planungsamt der Stadt Gladbeck. Über diesen Kreis hinaus wurden Gespräche mit weiteren Beteiligten zu Standortqualitäten und Entwicklungsmöglichkeiten geführt. Zwei Planungsbüros erarbeiteten in Kooperation eine Machbarkeitsstudie mit Immobilien- und Prozessorganisation. Hierzu wurden unter anderem in einem Workshop mit Vertretern von Immobilien- und Wohnungswirtschaft, Wirtschaftsförderung und Kulturbereich Entwicklungsvarianten diskutiert, deren Ergebnisse in die Machbarkeitsstudie einflossen. Neben der Möglichkeit des Abrisses und einer Neubebauung mit Wohngebäuden wurden verschiedene Umnutzungsszenarien erarbeitet. Ausgangspunkt war der Erhalt mit einer kirchennahen soziokulturellen Nutzung.

Nutzungskonzept | Neunutzung

Der über Gladbeck hinaus agierende und gut vernetzte Verein Martin Luther Forum Ruhr e. V. hatte seit 2007, unabhängig von der Machbarkeitsstudie, ein Nutzungskonzept für ein kirchennahes, aber eigenständiges Zentrum für Dialog und Bildung mit überregionalem Anspruch entwickelt. Mitte 2008 hatte er die Nutzungsrechte am Kirchengebäude übernommen, mit Unterstützung von Kirchengemeinde und Kommune Spenden- und Fördergelder akquiriert und ab 2009 das Gebäude für die neue Nutzung umgebaut. Im Jahr 2010 stellte das „Martin Luther Forum Ruhr“ einen Beitrag Gladbecks zum Projekt RUHR.2010-Kulturhauptstadt Europas dar. Die Aktivitäten des Zentrums orientierten sich an Inhalten und Geschichte der Reformation – speziell im Ruhrgebiet. Hierzu diente ein Nutzungsmix aus multifunktionaler Versammlungsstätte mit Dauerausstellung, Café, Turmladen, Seminarraum und großem Saal.

Baulich wurde die neue Nutzung mit möglichst geringen Eingriffen in die Bausubstanz umgesetzt, um den ursprünglichen Charakter des denkmalgeschützten Gebäudes zu erhalten. Der Gedanke des erhöhten Platzes wurde mit einer weiterentwickelten Freitreppe noch stärker als verbindendes und einladendes Element zum Umfeld herausgearbeitet. Kirchenraum und Gemeindesaal dienten als Veranstaltungssäle verschiedener Größen, das ehemalige Jugendzentrum beherbergte auf vier Ebenen die Dauerausstellung „Reformation und Ruhrgebiet“.

Der Trägerverein des „Martin Luther Forum Ruhr“ stellte am 9. Juli 2018 nach zehn Jahren intensiven Engagements und Hunderten Veranstaltungen den Betrieb ein, da er sich aufgrund mangelnder personeller und finanzieller Ressourcen nicht in der Lage sah, das Forum weiter zu betreiben. Das Gebäude wurde an die Evangelische Kirchengemeinde zurückgegeben. Problematisch ist diese Nutzungsaufgabe vor Ende der 20-jährigen Zweckbindungsfrist von öffentlichen Fördermitteln, da diese (in einer möglichen Höhe von 450.000 Euro) zurückgefordert werden müssen. Zwischen dem Trägerverein sowie Verwaltung und Politik der Stadt Gladbeck entstand ein Streit darüber, wie mit einer fälligen Rückzahlung umgegangen werden sollte. Die Bezirksregierung Münster als Fördergeberin regte die Entwicklung einer denkmalgerechten Folgenutzung an. Für ein neues vergleichbares Projekt fehlt nach Aussage der bisher Beteiligten aber die Schubkraft.

Besonderheiten | Erfahrungen

Entscheidend für die zehnjährige Kulturnutzung des Gebäudes war in diesem Fall das privateEngagement aktiver Bürger, welches das Projekt erst möglich machte. Besondere Kulturereignisse, wie das Projekt RUHR.2010-Kulturhauptstadt Europas, oder Planungsformate, wie eine Regionale, können derartige Engagements unterstützen, da in diesen Zusammenhängen Fördergelder akquirierbar sind. Der unter baukulturellen Gesichtspunkten hervorragende Erhalt des Gebäudes hatte dem Quartier und der Stadt so auch einen unter kirchlichen und kulturellen/sozialen Aspekten wünschenswerten Veranstaltungsort mit überregionaler Ausstrahlung ermöglicht.

Ehrenamtliches bürgerschaftliches Engagement ist also durchaus in der Lage, hochkarätige neue Nutzungen entstehen zu lassen. Auf lange Sicht übersteigen der Erhalt und Betrieb einer derartigen Nutzung allerdings die Möglichkeiten des Ehrenamts. Um eine wünschenswerte Nutzung wie dieses Veranstaltungszentrum nachhaltig zu erhalten, sind neben einmaligen Fördergeldern auch längerfristige strukturelle Unterstützungsleistungen von öffentlicher Seite erforderlich. Zehn Jahre wären eine ausreichende Zeit gewesen, diese zu akquirieren und zu entwickeln. Dass danach im Umfeld von Streit und gegenseitigen Schuldzuweisungen eine Arbeitsgruppe aus Förderverein und Stadt auf Initiative der Bezirksregierung nach neuen Lösungen sucht, ist der engagierten Arbeit über ein Jahrzehnt nicht angemessen, aber hoffentlich zielführend. Das Projekt zeigt, dass gelegentlich wieder nach einer neuen, tragfähigen Nutzung für ein Kirchengebäude gesucht werden muss. Hier ist das Engagement kommunaler Verwaltung und Politik jedes Mal erneut erforderlich.

JB

Weitere Informationen zum Projekt:

http://www.lutherforum-ruhr.de