Projekt

St. Josef | Grabeskirche

Aachen
Ort
St. Josefs-Platz, 52068 Aachen
Ursprüngliche Nutzung
Pfarrkirche des Bistums Aachen
Neue Nutzung
Grabeskirche, Kolumbarium
Gebäude
1893 erbaut, Architekt: Gerhard Franz Langenberg (1842-1895) | 2006 Umbau zum Kolumbarium, Architekten: Hahn Helten Architektur, Aachen
Denkmalschutz
Das Kirchengebäude steht unter Denkmalschutz.

Ortslage | Städtebauliche Situation

St. Josef Aachen ist prominent an der Gabelung der zentralen Verkehrsachse Adalbertsteinweg im Aachener Ostviertel gelegen. Die Gabelung markiert den Übergang der Richtung Osten angrenzenden Wohnbebauung zu großflächiger strukturierten Verwaltungs- und Geschäftsbauten im Westen in Richtung der Aachener Innenstadt. Im Norden der Gabelung grenzt der prominente Ostfriedhof an die Kirche.

Die offene, freistehende Lage lässt St. Josef zu einem weithin sichtbaren Zeichen werden. Das Sakralgebäude steht zudem in einer direkten Achse zum Aachener Dom.

Gebäude | Bauform

Nach einem Architekturwettbewerb wurde die Pfarrkirche St. Josef nach Plänen des Architekten Franz Langenberg geplant und 1894 fertiggestellt.

Bei St. Josef handelt es sich um eine Hallenkirche, was für die Epoche der Neugotik eher ungewöhnlich ist. Von Außen ist vor allem die Westfassade mit dem hohen Turm markant, welcher im Höhenverlauf vom quadratischen in den achteckigen Grundriss wechselt und damit eine ungewöhnliche Geometrie erzeugt. Den Abschluss des Turmes bildet ein kronenartiges Gesims, welches durch die seit dem zweiten Weltkrieg fehlende Turmspitze erzeugt wird.

Neben dem Haupttor im Westen unter dem Kirchturm gibt es zusätzlich seitlich vor dem Querschiff angebrachte Nebeneingänge. Atmosphärisch wird der äußere Eindruck vom roten Ziegelstein und dessen Kontrast zu den Verzierungen und Einfassungen aus hellem Naturstein geprägt.

Östlich der Vierung, wo Quer- und Langhaus aufeinandertreffen, befindet sich ein um vier Stufen erhöhter Chorraum. Auffallend ist zudem die in roter Ziegelstruktur bemalte Decke des Kreuzrippengewölbes im Inneren.

Historische Bedeutung | Soziales Umfeld

Die Pfarrei St. Josef und damit auch die Idee einer neuen Kirche am damaligen Stadtrand der Stadt Aachen kam gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf, als die Stadtbevölkerung aufgrund der Industrialisierung stark wuchs.

Nach starken Schäden durch den zweiten Weltkrieg wurde sie in einer vor allem im Innenraum reduzierten Art und Weise wiedererrichtet. Durch den Rückgang der Pfarrangehörigen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu einem Zusammenschluss mit St. Fronleichnam, durch welche die St. Josef-Kirche nicht mehr genutzt wurde. Als damals erste Grabeskirche kam es schließlich 2006 nach umfangreichen Umbauarbeiten im Innenraum zur Eröffnung. Seitdem finden hier Urnenbeisetzungen statt.

Kirchliche Nutzung | Einbindung in die Bürgergemeinde

Als erste Umnutzung einer Kirche zu einer Urnengrabstätte gilt St. Josef als Vorreiter für eine mittlerweile sehr beliebte Form der Kirchenumnutzung. Dem Bistum Aachen war es dabei wichtig, selbst in Besitz der Immobilie zu bleiben, den Ort für die Gemeinde zugänglich zu erhalten und gleichzeitig die laufenden Kosten tragen zu können. Aus diesen Erfordernissen entstand das Konzept der Urnengrabstätte.

Prozess | Beteiligte

k. A.

Nutzungskonzept | Neunutzung

Als die Nutzung als Urnengrabstätte beschlossen war, wurde vom Bistum Aachen ein Architekturwettbewerb ausgelobt. Die Vorgabe für die Umgestaltung des Innenraums war es dabei, den Bestand möglichst zu belassen. Die neue Nutzung sollte sich reversibel in den Bestandsraum einfügen können.

Das Aachener Büro Hahn, Helten + Assoziierte gewann den Wettbewerb mit einem Konzept, welches den Innenraum als Steelenfriedhof interpretiert. Zu beiden Seiten der Längsachse befinden sich im Langhaus hochragende Steelen aus puristischem Feinbeton. In den Steelen sind kubische Nischen eingelassen. Die Urnen werden dann in unterschiedlichen Natursteinboxen in die Steelen eingelassen und vervollständigen dessen Form.

Die Steelen stehen auf einem Bett aus hellem, kiesartigem Gestein, was die Anmutung eines Gartenraumes erzeugt, Betonplatten bilden Wege aus.

Genau in der Längsachse des Kirchenschiffes befindet sich ein Wasserfluss, der von der neu geschaffenen Wasserquelle zum historischen Taufstein unter der Vierung fließt. Genau darüber ist eine plastische Skulptur abgehängt, welche aus weißem Segeltuch gefertigt und einem Schiffrumpf nachempfunden ist. Der Luftraum zwischen den Tüchern zeigt sich erst, wenn der Besucher unter der Plastik hindurchläuft. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen Plastizität und Leere. Das Schiff symbolisiert den Übergang zwischen Leben und Tod.

Insgesamt entsteht ein neuer Ort, der sich mit der Geschichte des Ortes als ehemalige Pfarrkirche verbindet und eine harmonische Wirkung entfaltet.

Besonderheiten | Erfahrungen

Als erste Urnengrabstätte in einer Kirche ist das Bistum Aachen mit der Umnutzung von St. Josef ein großes Risiko eingegangen. Mittlerweile hat sich das Konzept bewährt und es gibt lange Wartelisten. Viele Kirchen in ganz Deutschland sind durch den Erfolg des Konzeptes auf St. Josef aufmerksam geworden und es wurde ein entscheidender Beitrag für die Etablierung des Konzeptes ‚Grabeskirche‘ geleistet. Mittlerweile gibt es bereits ein jährliches Treffen von Grabeskirchen in ganz Deutschland, welches zum Erfahrungsaustausch genutzt wird.

 

Felix Hemmers, studiohemmers

Weitere Informationen zum Projekt:

http://www.grabeskirche-aachen.de/