Projekt

St. Mariä Himmelfahrt | Gesundheitszentrum

Gescher

St. Mariä Himmelfahrt Gescher | Foto: Felix Hemmers

Ort
48712 Gescher, Josef-Willenbrink-Straße 1
Ursprüngliche Nutzung
Pfarrkirche
Neue Nutzung
Gesundheitszentrum
Gebäude
1953 bis 1954 erbaut, Architekt: Heinrich A. Schäfer | 2010 Profanierung des Gebäudes | 2013 Kirche wird unter Denkmalschutz gestellt | 2014 Investoren- und Architektenwettbewerb, Siegerentwurf: Architekt Peter Bastian aus Münster mit Projektentwicklungsgesellschaft ECO.PLAN GmbH & Co. KG | 2018 Fertigstellung der Neubauten sowie des Umbaus des Kirchengebäudes
Denkmalschutz
Das Kirchengebäude steht unter Denkmalschutz.

Ortslage | Städtebauliche Situation

Die ehemalige Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt befindet sich im Zentrum der westfälischen Stadt Gescher im Kreis Borken. Rund um die Kirche ist das Gebiet durch eine kleinteilige Innenstadtstruktur mit Wohn- und Geschäftsbauten geprägt und liegt unweit des Marktplatzes.

Im Zuge der Neuentwicklung des Areals entstand dort das sogenannte Marien-Quartier, ein Ensemble aus umgenutzter Kirche und mehreren Neubauten. Um den ehemaligen Sakralbau herum wurden barrierefreie Mehrfamilienhäuser errichtet, die sich städtebaulich um das historische Gebäude gruppieren. Durch diese Anordnung bleibt die ehemalige Kirche weiterhin ein identitätsstiftender Mittelpunkt des Quartiers. Die Neubauten ergänzen den Bestand und schaffen ein wohn- und serviceorientiertes Umfeld, das besonders auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten ist.

Gebäude | Bauform

Die Kirche St. Mariä Himmelfahrt wurde in den Jahren von 1953 bis 1954 als zweite katholische Kirche der wachsenden Gemeinde in Gescher errichtet. Der Entwurf stammt vom Coesfelder Architekten Heinrich A. Schäfer und gehört zu den typischen Sakralarchitekturen der Nachkriegszeit. Mit einer Fassade aus Ibbenbürener Sandstein  wird das Gebäude im Inneren von kräftigen Rundsäulen aus Baumberger Naturstein geprägt. Diese tragen die rhythmische Abfolge von Arkaden, die den Kirchenraum gliedern. Der Innenraum war ursprünglich als klassischer Saalbau mit zentral auf den Altar ausgerichteten Bankreihen gestaltet.

Bei der Umgestaltung blieb der Kirchturm erhalten und prägt weiterhin die Silhouette des Quartiers. Auch die charakteristische Grundstruktur des Kirchenbaus wurde bewahrt, sodass die ursprüngliche sakrale Architektur von außen weiterhin ablesbar bleibt. Innen ist der sakrale Raum durch den Einbau mehrerer Ebenen und einer kleinteiligen Nutzungsstruktur nicht mehr erkennbar.

Historische Bedeutung | Soziales Umfeld

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Zahl der katholischen Gläubigen in Gescher stark an, sodass eine zweite Kirche notwendig wurde. Die Idee zur neuen Pfarrkirche entstand 1950 im Zusammenhang mit dem Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, das schließlich auch zum Namen der Gemeinde führte.

Der Bau der Kirche wurde stark von der lokalen Bevölkerung getragen. Viele Bürger beteiligten sich daran finanziell oder mit Arbeitsleistungen. Arbeiter spendeten regelmäßig einen Stundenlohn, Arbeitgeber verdoppelten diesen Betrag, und auch Landwirte sowie Selbstständige unterstützten das Projekt. Diese breite Beteiligung zeigt die große Bedeutung der Kirche für das soziale und religiöse Leben der Stadt.

Über mehr als fünf Jahrzehnte war St. Mariä Himmelfahrt ein zentraler Ort der Gemeinde. Nach der Fusion mit der Pfarrgemeinde St. Pankratius im Jahr 2004 verlor die Kirche jedoch ihre Funktion als eigenständige Pfarrkirche. Am 31. Dezember 2010 wurde das Gebäude schließlich profaniert.

Prozess | Beteiligte

Nach der Entwidmung begann eine längere Phase der Diskussion über die Zukunft des Gebäudes. Verschiedene Nutzungskonzepte wurden geprüft, darunter ein Haus des Lernens, ein Stadtarchiv oder ein Kolumbarium. Auch ein Abriss und eine Neubebauung des Grundstücks standen zeitweise zur Diskussion.

Diese Perspektive führte jedoch zu starken Protesten in der Bevölkerung. Viele Bürger engagierten sich in Mahnwachen gegen einen möglichen Abriss des Gebäudes. Ein wichtiger Wendepunkt war die Unterschutzstellung des Bauwerks im Jahr 2013, wodurch der Erhalt der Kirche gesichert wurde.

Im Anschluss wurde ein Investoren- und Architektenwettbewerb ausgelobt, bei dem sich der Entwurf des Architekten Peter Bastian aus Münster durchsetzte. Die Projektentwicklung erfolgte durch die ECO.PLAN GmbH & Co. KG, während die Kirchengemeinde Gebäude und Grundstück in Erbpacht einbrachte.

Nutzungskonzept | Neunutzung

Aus dem ehemaligen Kirchenareal entstand das Marien-Quartier, ein Wohn- und Dienstleistungsstandort mit besonderem Fokus auf seniorengerechtes Wohnen und Pflegeangebote.

Im Inneren Kirche wurden Wohngruppen und betreute Wohnformen eingerichtet. Insgesamt entstanden rund 38 barrierefreie Wohnungen sowie mehrere Wohneinheiten in einer Pflege-Wohngemeinschaft. Die Wohnungen verfügen über hochwertige, barrierefreie Ausstattung und Grundrisse zwischen etwa 25 und 92 Quadratmetern.

Ein zentraler Bestandteil des Konzepts ist die Integration von Gesundheits- und Pflegeangeboten. Verschiedene Dienstleistungen wie ambulante Pflege, medizinische Betreuung und Beratungsangebote sind im Quartier verankert. Dadurch entsteht ein Versorgungsnetz, das den Bewohnerinnen und Bewohnern ein möglichst selbstständiges Leben im Alter ermöglicht.

Ergänzt wird das Angebot durch gemeinschaftliche Bereiche und Serviceleistungen, die den Alltag erleichtern und soziale Kontakte fördern. Außerdem bleibt durch den erhaltenen Kirchturm und Teile der historischen Architektur die Geschichte des Ortes sichtbar.

Besonderheiten | Erfahrungen

Das Marien-Quartier in Gescher zeigt beispielhaft, wie sich ein ehemaliger Kirchenbau im ländlichen Raum in ein zukunftsfähiges Wohn- und Versorgungskonzept integrieren lässt: Statt das Gebäude abzubrechen, hat man es zum identitätsstiftenden Mittelpunkt eines neuen Quartiers entwickelt. Der Fokus lag dabei auf dem Erhalt des für den Dorfkern so wichtigen Turms. Die neuen Nutzungen wurden anhand des örtlichen Bedarfs ermittelt, führen jedoch dazu, dass der Sakralraum nicht mehr erlebbar ist.

Damit ist es gelungen, den historischen Kirchenbau in eine neue Rolle innerhalb der Stadtgesellschaft zu überführen und gleichzeitig die stästebauliche und emotionale Bedeutung des Ortes zu bewahren.