Projekt

Kirche und Gemeindezentrum Wintgensstraße | Grabeskirche „Kolumbarium Duisburg“

Duisburg
Ort
47058 Duisburg, Wintgensstraße 72
Ursprüngliche Nutzung
Pfarrkirche und Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Duisburg; Evangelische Kirche im Rheinland
Neue Nutzung
Kolumbarium, Urnenbegräbnisstätte mit Veranstaltungsraum
Gebäude
1971 erbaut, Architekt: Prof. Lothar Kallmeyer, Duisburg und Münster | 2004–2011 Kirche ohne Nutzung, 2011/2012 Sanierung
Denkmalschutz
Das Kirchengebäude steht unter Denkmalschutz.

Ortslage | Städtebauliche Situation

Nach Änderung der städtebaulichen Ziele sind ursprüngliche Stadterweiterungsplanungen der 1960er Jahre für den innenstadtnah gelegenen Stadtteil Duissern als Wohnstandort nicht mehr realisiert worden. Hierdurch geriet die bereits errichtete Kirche an der zur neuen Hauptverkehrsverbindung ausgebauten Wintgensstraße in eine Randlage zwischen Bahntrassen und Gewerbenutzungen mit nur wenigen Gemeindemitgliedern im Umfeld.

Das Kirchengebäude orientiert sich mit seinem Turm zur Hauptstraße. Dahinter befindet sich ein mit der Kirche verbundener Baukörper mit Gemeindesaal und weiteren Gemeinderäumen. Ein geplanter zweiter Bauabschnitt des Gemeindezentrums wurde nicht mehr verwirklicht, weshalb Teile des Grundstücks unbebaut geblieben sind. Auf der anderen Seite der Wintgensstraße wurden in städtebaulich eher suburbaner Struktur Gewerbe und Büronutzungen angesiedelt.

Gebäude | Bauform

Der Kirchenraum wird als skulpturaler Baukörper aus zwei ineinandergestellten Sichtbetonschalen mit unterschiedlichen Radien gebildet. Aus der äußeren Schale entwickelt sich der glockenlose Turm. Zwischenden Raumschalen befinden sich Eingang und Belichtungsfugen aus Profilglaspaneelen. Holzboden und Holzdecke mildern im Innenraum die Atmosphäre der ansonsten rohen Baumaterialien. Die liturgische Richtung wird im Baukörper durch Möblierung, Altarbereich und Wandkreuz vorgegeben. Altar und Taufbeckenunterbau bestehen aus U-förmig gebogenen Aluminiumplatten, die Kanzel aus Sichtbeton.

Historische Bedeutung | Soziales Umfeld

Das Gebäudeensemble stellt eine für die Bauzeit in der evangelischen Kirche eher seltenere Kombination aus Gemeindezentrum und einem separaten, rein sakralen Baukörper mit Kirchenraum dar. Die wenigen und einfachen Materialien werden in ihrer rohen Form zeittypisch zu einer plastischen Gebäudeskulptur verbunden, die einen eigenen sakralen Charakter entfaltet. Architekt Lothar Kallmeyer hat mit diesem und zahlreichen weiteren Kirchenbauten und auch aufgrund seiner Lehrtätigkeit zum modernen Kirchenbau sowie als Mitglied von Bau- und Kunstkommissionen der Rheinischen und Westfälischen Landeskirchen einen herausragenden Beitrag zum evangelischen Kirchenbau der Nachkriegszeit geleistet, was auch die Denkmaleigenschaft würdigt.

Kirchliche Nutzung | Einbindung in die Bürgergemeinde

Die Evangelische Kirchengemeinde Alt-Duisburg verfügte über fünf Kirchen und drei Gemeindehäuser. Mit der Lutherkirche liegt in ca. 650 Meter Luftlinie zum Standort an der Wintgensstraße eine weitere Kirche der Gemeinde – mit besseren Nutzungsmöglichkeiten für die Gemeindearbeit außerhalb der Gottesdienste und einer besseren Einbettung in den Stadtteil. Da das Kirchengebäude an der Wintgensstraße sieben Jahre nicht genutzt wurde, waren Sanierungsstau und Unternutzung deutlicherkennbar. Aufgrund der fehlenden Einbindung und der langen Zeit der Nutzungsaufgabe war diese Kirche nicht mehr in der Kirchen- und der Bürgergemeinde verankert.

Prozess | Beteiligte

Das Amt für Stadtentwicklung und Projektmanagement der Stadt Duisburg übernahm im Jahr 2008 in Abstimmung mit der Kirchengemeinde und der Denkmalpflege die Federführung bei der Nutzungssuche im Landesprojekt „Modellvorhaben Kirchenumnutzungen“. Zwei Architekturbüros wurden zur konkurrierenden Erarbeitung von Machbarkeitsstudien für die Kirche und das Gemeindezentrum aufgefordert. So entstanden sehr unterschiedliche bauliche Vorschläge für den Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz. Die daraus entwickelten Nutzungsvorschläge wurden Grundlage bei der Suche nach Nutzungsinteressenten, wobei die Kirchengemeinde einen Beerdigungsunternehmer fand, an den das Gebäudeensemble in Erbpacht für eine Kolumbariumsnutzung vergeben wurde.

Nutzungskonzept | Neunutzung

Der Betreiber beseitigte den erheblichen Sanierungsstau der Sichtbetonhülle, des Daches und der Gebäudeinstallationen denkmalgerecht. Die Gebäudeteile des Gemeindezentrums konnten mit relativ geringem Aufwand hergerichtet werden. In den Kirchenraum wurden möbelartige Wände zur Aufnahme von Urnen um einen etwas verkleinerten Sitzbereich herum aufgestellt. Hierdurch ist der Charakter des Gebäudes vollständig bewahrt geblieben. In die Substanz wurde nicht eingegriffen und die sakrale Ausstattung blieb komplett erhalten, sodass auch weiterhin Gottesdienste gefeiert werden können. Die Kirchengemeinde ist Trägerin des Urnenfriedhofs, das Beerdigungsunternehmen ist der Betreiber. Zu bestimmten Zeiten ist das Gebäude allgemein zugänglich, Angehörige haben täglich Zugang. Im Untergeschoss des Gemeindezentrums ist eine Kindertagesbetreuung untergebracht. Den ehemaligen Gemeindesaal nutzt bzw. vermietet das Beerdigungsinstitut für private Trauerfeiern und weitere Veranstaltungen, wie beispielsweise Ausstellungen.

Besonderheiten | Erfahrungen

Eine Besonderheit bei diesem Projekt sind die konkurrierenden Machbarkeitsstudien, die für das Gebäude erarbeitet wurden und erlauben, sehr unterschiedliche Vorgehensweisen und Möglichkeiten zu demselben Objekt zu vergleichen. Probleme für die Umnutzung dieser Kirche lagen im isolierten Standort, der nur eine geringe Veränderungsdynamik aufweist, sowie in der Gebäudestruktur und dem sanierungsbedürftigen Baumaterial Sichtbeton. Erwähnenswert ist die enorm hohe Qualität der Sichtbetonsanierung – ein ermutigendes Beispiel für die Sanierung anderer Bauten aus diesem Material.
Die Nutzung als Kolumbarium passt mit ihrem geringen baulichen Realisierungsaufwand hervorragend zu den Ansprüchen der Denkmalpflege und der Kirchengemeinde. Die vorhandene Bausubstanz wurde ausschließlich saniert, die ursprünglichen Nutzungen sind weiterhin möglich und dem Quartier ist durch den engagierten Betreiber und seinen Kontakt zur Kirchengemeinde ein Veranstaltungsort erhalten geblieben.
Bei einer Kolumbariumsnutzung ist allerdings eine sorgfältige und langfristige Finanzplanung erforderlich. Die Auflagen der Friedhofsverordnungen sind hier ebenso zu beachten wie die der (Erz-)Bistümer und Landeskirchen, die dieser Nutzung teilweise kritisch gegenüberstehen.

JB

Weitere Informationen zum Projekt:

https://www.kolumbarium-duisburg.de