Projekt

St. Mariä Empfängnis | Kirche und sozial-kulturelles Gemeindezentrum

Willich
Ort
47877 Willich, Hauptstraße 34
Ursprüngliche Nutzung
Filialkirche der Katholischen Kirchgemeinde St. Mariä Empfängnis; Bistum Aachen
Neue Nutzung
Weiterhin Filialkirche der Katholischen Kirchgemeinde St. Mariä Empfängnis, ergänzend sozial-kulturelles Gemeindezentrum
Gebäude
Im 17. Jahrhundert erbaut | im 18./19. Jahrhundert Ausbau als Minoritenkloster und Pfarrkirche | im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört | 1960 Abriss des Klosters und der meisten erhaltenen Kirchenteile bis auf den Chor | 1962 Neubau unter Verwendung des ehemaligen Chors und einzelner Bauteile der alten Kirche, Architekt: Günter Teller (1926–2009), Aachen | 2012/2013 Umbau und Sanierung, Architekt: Elmar Sommer, Monschau
Denkmalschutz
Die Sakristei der Vorgängerkirche stehen unter Denkmalschutz.

Ortslage | Städtebauliche Situation

Der Ort Neersen mit ca. 7.000 Einwohnern ist ein dörflicher Teil der Stadt Willich. Das Gebäude liegt an der Kreuzung Hauptstraße und Minoritenplatz im Zentrum des Ortes. Auf dem Straßenzug Minoritenplatz findet vor der Kirche der Wochenmarkt statt. Das Umfeld besteht aus einer Mischung von zwei- bis dreigeschossiger Bebauung unterschiedlicher Bauphasen. In der Umgebung finden sich Gastronomie, kleinteiliger Einzelhandel und Nahversorgung.

Das Gebäude besteht aus zwei rechtwinklig angeordneten und von der Kreuzung zurückgesetzten Baukörpern, ehemals mit Eingängen an der Hauptstraße und am Minoritenplatz. Die Kirche dominiert auch ohne Turm durch ihre Höhe und Größe die kleinteiligere Umgebung. Das Gebäude formt an der Hauptstraße eine kleine Aufweitung, die in den Kreuzungsbereich übergeht. Auf der anderen Seite des ehemaligen Langhauses wird zum straßenförmigen Minoritenplatz hin eine kleine Grünanlage gebildet.

Gebäude | Bauform

Von den zwei T-förmig verbundenen, hallenartigen Baukörpern des Kirchengebäudes wurde ein Gebäudeteil backsteinsichtig ausgeführt, der andere weiß verputzt. Beide Baukörper sind mit gleich hohen, flach geneigten Satteldächern gedeckt, die seitlich und an den Giebelfeldern grau abgesetzt sind. Die Giebelfläche des ehemaligen westlichen Querhausarms weist zur Hauptstraße, die des Langhausgiebels nach Norden zum Minoritenplatz. Zur Hauptstraße waren große, vollständig geschlossene Wandflächen orientiert.

Im Innenraum befand sich der um drei Stufen erhöhte Altarbereich in der Achse des Langhauses vor der ungestalteten und ungegliederten Querhaus-Südwand. Er wurde mit Sitzbereichen im Langhaus und den Querhausarmen auf drei Seiten eingefasst. Die Querhausarme waren aus dem Langhaus in ihrem Ausmaß kaum wahrnehmbar. Das östliche Querhaus endete am historischen Chor der Ursprungskirche, der abgetrennt als Sakristei diente.

Historische Bedeutung | Soziales Umfeld

Der Nachkriegsbau besetzt den Platz des zum Teil kriegszerstörten ehemaligen Klosters und der alten Pfarrkirche im Zentrum des Ortes. Die wenigen beim Neubau 1962 verbliebenen historischen Reste verweisen auf eine jahrhundertealte Ortstradition. Trotz der vorher architektonisch unnahbaren, geschlossenen Haltung war die Kirche an dieser Stelle ein Identifikationsgebäude für den Ort, das die Umgebung bis heute deutlich dominiert.

Kirchliche Nutzung | Einbindung in die Bürgergemeinde

Die Kirche St. Mariä Empfängnis hat bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten keine eigene Pfarrstelle mehr, wird seitdem als Filialkirche geführt und zusammen mit anderen Gemeindeorten seelsorgerlich betreut. An diesem Ort existiert trotzdem eine aktive Gemeinde mit starkem ehrenamtlichen Engagement. Das ehemals dezentral gelegene Pfarrheim hatte erheblichen Sanierungsstau und wurde zugunsten von Wohnungsbau verkauft. Indem die Nachkriegskirche die Kapazität der alten Pfarrkirche nahezu verdoppelte, war sie als Sakralraum für Neersen seit Langem deutlich überdimensioniert.

Prozess | Beteiligte

Das Projekt wurde von einem Gremium der Kirchengemeinde unter Beteiligung von Vertretern aus Kirchenvorstand, Pfarrgemeinderat, Pastoralteam und dem Baureferat des Bistums vorbereitet. Die kommunale Verwaltung und Politik wurden in die Planungen einbezogen. Das Projektteam fragte mehrere Architekten, die zum Teil bereits ähnliche Mehrfachnutzungen umgesetzt hatten, zur Bearbeitung der Studie an, suchte ihre Bauten vor Ort auf und sprach mit den Beteiligten aus den dortigen Kirchengemeinden. Erst hiernach erfolgte die Auswahl des Planers, mit dem die Studie gemeinsam erarbeitet wurde.

Mit vorliegender Planung setzte sich das Gemeindeteam nachdrücklich für eine Umsetzung der Maßnahme und die Akquise von Fördermöglichkeiten ein. Zur Förderfähigkeit unter anderem dieses Projekts erarbeitete die Kommune ein Fördergebiet für das Zentrum von Neersen. Mit Städtebaufördermitteln wurden, neben einem Zuschuss für das soziokulturelle Zentrum in der Kirche, Aufwertungsmaßnahmen für den öffentlichen Raum in der Mitte des Ortes unterstützt. Mit diesem Anstoß wurde der Neuorientierungsprozess für das Kirchengebäude zum Motor für eine Ortserneuerungsmaßnahme der Kommune.

Nutzungskonzept | Neunutzung

Die vorher schwierige Situation eines viel zu großen, ungünstig geschnittenen und gestalterisch nicht besonders qualitätvollen Kirchengebäudes konnte in diesem Fall mit einer überzeugenden Planung als große Chance genutzt werden. Die sozialen und kulturellen Nutzungen des aufgegebenen Pfarrzentrums zusammen mit Caritas-Sozialstation, Pfarrsaal, Gruppenräumen, Küche, Sanitäranlagen, öffentlicher Bücherei, Kleiderkammer, Pfarrbüro und Archiv wurden nun auf drei Ebenen mit in die vorhandene Gebäudehülle eingebaut. Im Bereich der historischen Pfarrkirche wurde der südliche Teil des Gebäudes für die sakrale Kirchennutzung unter Öffnung und Einbeziehung des alten Chores neugestaltet und in der Größe der heutigen Gemeindesituation angepasst. Die vorher geschlossenen Wände des Gebäudes wurden an mehreren Stellen aufgeschnitten, wodurch Verbindungen der neuen Nutzungen mit dem Ortskern entstanden sind.

Besonderheiten | Erfahrungen

Bei diesem Projekt ist der Aspekt des ehrenamtlichen Engagements der örtlichen Kirchengemeinde erwähnenswert, die ihr Gemeindeleben lebendig hält und ein derart ambitioniertes Vorhaben organisiert hat. Mit persönlichem Einsatz wurden Kontakte zu Kommune, Bistum und Ministerium aktiviert und von vielen Seiten Unterstützung für das Projekt eingeworben. In der aktuellen Situation der katholischen Kirche mit Priestermangel und stärker zentralisierten Gemeindestrukturen ist dies ein ermutigendes Beispiel, wie Gemeindearbeit mit viel Mitgliederengagement auch dezentral für ein Quartier weiterentwickelt werden kann.

Unter kirchlichen und sozialen Gesichtspunkten hat diese Nutzungserweiterung einen Neustart für das kulturelle und soziale Leben der Kirchengemeinde und damit auch des gesamten Ortes erbracht. Der vorher nur einmal wöchentlich zum Teil genutzte Raum ist nun mit einer Vielzahl an Aktivitäten gefüllt, die sich gegenseitig unterstützen. Als willkommener weiterer Effekt konnte auf diese Weise auch eine ansteigende Zahl von Gottesdienstbesuchern verzeichnet werden.

Durch die baulichen Maßnahmen hat der vormals unnahbare, unsensibel in die Umgebung gesetzte und überdimensionierte Kirchenbau mit einem gestalterisch prägnanten Einbau weiterer Gemeindenutzungen gewonnen. Die Neugestaltung erzeugt nun unter sichtbarer Einbeziehung erhaltener Teile der alten Pfarrkirche und in der Auseinandersetzung mit der Nachkriegsarchitektur ein interessantes, funktional und architektonisch überzeugendes Gebäude.

JB

Weitere Informationen zum Projekt:

http://www.st-maria-neersen.de