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Gebäude und Umfeld

Wichtige Faktoren bei der Suche nach neuen Nutzungskonzepten sind die Lage einer Kirche im Kontext der Siedlungsstruktur, der städtebauliche Typus, die Wirksamkeit des Gebäudes im Umfeld, die architektonische Ausprägung, die bau- und kunsthistorische Bewertung von Gebäude und Ausstattung sowie der jeweilige bauliche Zustand.

Bestimmend für die Zeichenwirkung am Ort und damit für die Identifikation und emotionale Bindung ist die städtebauliche Einbeziehung des Gebäudes in sein Umfeld. Eine besondere Stellung nehmen Kirchen ein, die aufgrund ihrer Lage, eines Turms oder ihrer Gebäudehöhe besonders sichtbar und silhouettenwirksam sind. Ähnliches gilt für die stadträumliche Einbindung von Kirchen: Je nachdem, ob eine Kirche frei auf einem Platz steht oder in die Nachbarbebauung integriert ist, ob sie eine repräsentative Fassade hat oder eher unscheinbar wirkt, ist für die Zeichenhaftigkeit und die Identifikation ausschlaggebend. Eine entsprechende Prominenz der Gebäude kann sowohl bei der Mobilisierbarkeit von bürgerschaftlicher Unterstützung helfen als auch ggf. tragfähige Neunutzungen erleichtern. Gleichzeitig schränkt eine prominente Lage aus Sicht von Kirchenverantwortlichen neue Nutzungen ein, da die Zeichenwirkung sehr prägnant für die kirchliche Nutzung steht. Demgegenüber können für unscheinbarere Kirchengebäude eventuell auch etwas robustere Nutzungen gefunden werden (Bsp. Köln, Kreuzkirche).

Wichtig für verschiedene Nutzungspotenziale und eventuelle bauliche Ergänzungen ist zudem das Grundstück mit seiner Größe, Erschließung, Gestaltung und Nutzung. Hier kann sich eine passende Nachverdichtung positiv auf die Potenziale für eine Nutzbarkeit von Kirchengebäuden auswirken. Dies kann letztendlich zu einer finanziellen Tragfähigkeit der Nutzungen in den Kirchengebäuden beitragen (Bsp. Gelsenkirchen, Stephanuskirche; Essen, Neue Pauluskirche; Köln, Auferstehungskirche).

Die architektonische Ausprägung nach Bauzeit (Stil, Bauphasen), Bauform, Grundriss und Raumkonzept (Volumen, Belichtung), Tragwerk, Materialität und Konstruktion wirkt sich ebenfalls stark auf die Möglichkeiten der Nutzbarkeit und den damit einhergehenden Aufwand aus. Historische und gründerzeitliche Kirchengebäude entsprechen meist dem typischen Kirchenbild und stehen sehr zeichenhaft für die sakrale Vornutzung. Manche moderne Kirchengebäude hingegen sind vom Bautypus mitunter leichter auf profane Nutzungen anpassbar (Bsp. Köln, St. Laurentius), weisen aber häufiger schwierige Baumaterialien auf (Bsp. Duisburg, Kirche und Gemeindezentrum Wintgensstraße; Duisburg, Liebfrauenkirche).

Entscheidenden Einfluss auf den Umgang mit den Gebäuden hat dahingehend auch die bau- und kunsthistorische Bewertung. Ist das Gebäude denkmalgeschützt, kann der Denkmalwert in einzelnen oder mehreren Bereichen besonders hoch sein: Städtebauliche und architektonische Qualitäten, Innenraumgestaltung, künstlerische Behandlung und Ausstattung ergeben jeweils sehr unterschiedliche Möglichkeiten für bauliche Veränderungen. Aber auch nicht denkmalgeschützte Kirchengebäude können als „besonders erhaltenswerte Bausubstanz“ hohe Bestandsqualitäten haben, die dann zu beachten sind. Festzuhalten ist, dass in beiden Fällen die Möglichkeiten baulicher Veränderungen für neue Nutzungen individuell ausgelotet werden müssen. Hier kann das Gespräch mit der zuständigen Denkmalbehörde oder mit sachkundigen Architekten oder Architekturhistorikern sinnvoll sein.

Ein baukulturell besonders schwieriger Aspekt bei der Umnutzung von Kirchengebäuden ist der Umgang mit der sakralen und künstlerischen sowie der festen und beweglichen Kirchenausstattung. Vielfach ist sie von den Architektinnen und Architekten oder von mit ihnen zusammenarbeitenden Künstlerinnen und Künstlern speziell für das Gebäude konzipiert worden, und ihre Beseitigung oder Verbringung an andere Orte bedeutet große Verluste. Im Umgang mit künstlerischen Ausstattungsstücken oder Bauteilen (z. B. Glaskunst) ist, wie bei den Bauten und Architekten, die Urheberrechtsfrage der Künstler zu beachten. Bei nicht sakralen Nachnutzungen sind die Ausstattungsstücke für den liturgischen Gebrauch, wie in katholischen Kirchen geweihte Altäre, Taufbecken oder Tabernakel, besonders behutsam zu behandeln. Hier wird von kirchlicher Seite meistens die Entfernung gefordert, in Einzelfällen sogar die Vernichtung dieser Ausstattungsstücke (Bsp. Hürth, St. Ursula). Mit welchen besonderen Schwierigkeiten bei der Ausstattung der Gebäude mitunter gerechnet werden muss, zeigt das Thema „Leihglocken“. Hierbei handelt es sich um Glocken, die aufgrund von Enteignungen im Zweiten Weltkrieg in das Eigentum der Bundesrepublik Deutschland gelangt sind und nach dem Krieg an Kirchengemeinden verliehen wurden. Der Umgang mit solchen Glocken bedarf immer einer Genehmigung durch Bundesbehörden. Ausstattungen von hohem finanziellem oder künstlerischem Wert, wie Glaskunst, Orgeln, Glocken, Gestühl, Altäre etc., können manchmal mithilfe der  kirchlichen Bauabteilungen in andere Kirchen, internationale Partnerkirchen oder auch in Museen und kirchliche Depots vermittelt werden.

Wie unterschiedlich die Kirchengebäude und ihre Ausstattung auch sein mögen, für die Umsetzung festgestellter Nutzungskonzepte sollte aus baukultureller Sicht gelten, dass die gestalterische Qualität der Umbauten und Ergänzungen mindestens der Qualität des Ursprungsbaus entspricht. Deshalb empfehlen sich für die Suche nach einer gestalterischen Neuinterpretation erprobte Qualitätssicherungsverfahren, wie Architekturwettbewerbe, Mehrfachbeauftragungen (ggf. mit Planungswerkstätten) etc., wobei darauf geachtet werden muss, dass Architektinnen und Architekten mit Qualitätsanspruch und möglichst auch mit Interesse und Erfahrung bei „Bauen im Bestand“ beteiligt werden. Ebenso hohe Qualitätsmaßstäbe sollten bei der Gestaltung von Nachfolgebebauungen auf städtebaulich herausragenden Grundstücken ehemaliger Kirchengebäude gelten.

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JB